Moralische Argumente sind bequem

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Horst Schulte

Der Kölner Stadt-Anzeiger zeigt heute auf seiner Titelseite ganz oben ein Foto von Olaf Scholz bei der Begrüßung durch den saudischen Prinzen. Im Bild erscheint der Titel: »Handschlag für Energie».

Moralisches Urteil vorab

Weiter unten heißt es: »Kanzler Scholz reiste zum umstrittenen saudischen Kronprinzen bin Salman«, darunter die Bildunterschrift. Sie lautet: »Mohammed bin Salman (r.) wird beschuldigt, Drahtzieher des Mordes an dem Journalisten Jamal Khashoggi zu sein«.

Inhaltlich folgt der Kölner Stadt-Anzeiger also inzwischen dem Vorgehen der Boulevardpresse. Dort werden Aufmacher mit vielerlei Unsinn in durchsichtiger Absicht platziert und – auf noch einmal niedrigerem Niveau – erst auf Folgeseiten was Inhaltliches verzapft.

Die asozialen Netzwerke bzw. deren Taktgeber haben das angerichtet

Mir fällt immer häufiger auf, dass Medien (die asozialen ohnehin) hauptsächlich mit moralischen Argumenten operieren. Es ist einfach, moralische Standpunkte einzunehmen, zumal Menschen so leichter ansprechbar und zu überzeugen (oder zu manipulieren [sic?]) sind.

Wer möchte schon unmoralisch sein? Besonders bei den Diskussionen über Russlands Krieg gegen die Ukraine gibt es nur eine richtige Haltung. Diese ist moralisch so aufgeblasen, dass es beinahe sinnlos scheint, andere Argumente überhaupt auch nur in die Debatte einzuführen. So mancher kann davon ein Lied singen. Wir reden über europäische Werte und lassen gleichzeitig zu, dass Frontex diese Werte an den EU-Außengrenzen auf eine Art und Weise anwendet, von der wir lieber nichts hören und sehen mögen. Wir sind für alles, was dort angerichtet wird, direkt verantwortlich – nicht die Russen.

Die SPD als das eher sperrige Moment in dieser Regierung sieht sich immer wieder mit moralischen Argumenten aus der eigenen Koalition konfrontiert. Insbesondere die Grünen haben die Disziplin an sich richtig zur Blüte gebracht haben. Aber auch die FDP mit Frau Strack-Zimmermann hat das drauf.

Bequemes Argument

Ich stehe nicht mit allem, was von den Grünen kommt, auf Kriegsfuß, aber einverstanden mit dem bin ich nicht, was Scholz, Habeck und Lindner abliefern. Da ist viel Luft nach oben. Die Union ist in allen Umfragen längst wieder stärkste Kraft in Deutschland.

Ob allein das Laschet-Drama der Grund für den zwischenzeitigen Absturz war? Ich würde das nicht behaupten. Schließlich waren CDU/CSU in so mancher Hinsicht der Inbegriff des Gegenteils einer fortschrittlichen Politik.

Also wollten die Leute etwas anderes. Keiner ahnte, dass etwas anderes nicht zwingend etwas Besseres sein sollte. Es ist erschreckend, dass ein Mann, der sich selbst wohl als Führungsmonster anpries, so versagen konnte.

Opportunität und Vernunft verzweifeln an der Moral

Ich sehe, dass uns bei dieser Gelegenheit entscheidende Aspekte zu entgleiten scheinen, vor allem, weil sie unserer Aufmerksamkeit entgehen. Viele unserer Meinungsbildner beschäftigen sich vorrangig damit, das zu sagen oder aufzuschreiben, von dem sie ausgehen, dass es gehört werden soll. Moral sticht Zweckmäßigkeit und Vernunft.

Ich frage mich, warum bestimmte Mitglieder der Regierung eines Landes, dessen Wirtschaft wie kaum eine andere von günstiger Energie abhängig ist, von sich aus das Thema Boykott der Gas- und Öllieferungen forcieren kann. Oder wurde zuvor hinreichend geprüft, welche Konsequenzen dies haben würde. Weitsicht und Eigeninteresse scheinen für die Moralapostel in unserem Land, die eine heute längst nicht mehr stabile Mehrheit repräsentieren, verwerfliches Zeug sein.

Es ist zu einfach geworden, vom Mainstream abweichende Standpunkte geringzuschätzen bzw. völlig aus dem Diskurs zu verbannen.

Ihre Urheber werden rüde angegangen und damit jede Bereitschaft zur Debatte im Keim erstickt. Aber angeblich gibt es keinen verengten Meinungskorridor in diesem Land. Jeder kann sagen, was er denkt und muss nur mit der Gegenrede rechnen und klarkommen. Was das im Detail bedeutet, lassen diejenigen, die so argumentieren, nicht durchblitzen.

Demokratische Fallstricke

Zu viele beteiligen sich am undemokratischen Umgang mit anderen Meinungen. Dabei sind gerade diejenigen, die das tun, sonst doch so klar für den Schutz von Minderheitenmeinungen. War es nicht immer so, dass unterschiedliche Meinungen nicht nur die Debatten beleben, sondern dass sie vielmehr ein Lebenselixier für jede Demokratie sind?

— Hier so ein typisches Beispiel von heute:

Wieso ahnt dieser Autor, dass Anna Schneider (ich kann sie nicht leiden), mit Faschisten sympathisiert? Das ist keine Art, sich mit solchen Dingen auseinanderzusetzen. In diesem Fall moralisieren gleich beide Parteien. Nun – ist ja auch Twitter. Für die politischen Verhältnisse tragen viele Faktoren Verantwortung. Allein die Tatsache, dass die Wahlbeteiligung einen historischen Tiefstand erreicht hat, macht deutlich, dass die Wurzeln des Problems lange zurückliegen.

Ich heiße Horst Schulte und bin 68 Jahre alt. Ich lebe seit meiner Geburt in der schönen Stadt Bedburg, nicht weit von Köln entfernt. Bloggen und digitales Fotografieren sind meine Hobbys. Die Themenschwerpunkte hier im Blog bilden Gesellschaft, Politik und Medien.

Mein Motto: ... bloß nicht zynisch werden



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Beitragsfoto von (sofern nicht von mir oder nicht Public Domain):

Foto von Lachlan Ross: https://www.pexels.com/de-de/foto/nicht-erkennbarer-bergsteiger-der-auf-klippe-klettert-5968095/

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